Stadion-Einöd

Da ich die Teilnahme am ersten EM-Qualifikation leider aus beruflichen Gründen verweigern musste, nahm ich mir fix vor, dass mir das beim zweiten Heimspiel nicht noch einmal passiert. Gegner ist die Fußballgroßmacht Aserbeidschan, gegen die wir - vermutlich in der Nachspielzeit wie gegen Kasachstan - sicher nach heldenhaftem Einsatz 1:0 durch einen ungerechtfertigten Elfer gewinnen werden. Dem Fußball fernstehende fragen sich jetzt vermutlich, warum ich mir das zu erwartende Trauerspiel überhaupt vor Ort geben will. Na ja, wie schon öfters angedeutet: so sind wir Fußballfans eben. Stehen auch noch bei Kälte und Nieselregen im Fansektor und lästern dort, was die Mannschaft hergibt. Und unsere gibt bekanntlich jede Menge an Lästermaterial her. Zusätzlich zu Trainer, Mannschaft, Schiedsrichter, Stadionverpflegung und debilen Kommentaren in den Samstagzeitungen habe ich diesmal erwartet, mich über die lange Anreise ärgern zu können. Spiele gegen Nachfolgestaaten der UdSSR sind nämlich ein Paradebeispiel für Fußballnationen, denen die Ehre, im Happel-Stadion zu spielen, üblicherweise nicht zuteil wird. Und da das erste Spiel am Dosengrund (amtlich: Stadion Wals-Siezenheim) stattfand, sah ich mich schon nach Graz, oder, wenn's ganz bösartig kommt, gen Innsbruck pilgern.

Bitte, was das Zuschauerinteresse betrifft, könnt man für ein Länderspiel gegen Aserbeidschan problenlos die Hohe Warte reaktivieren ohne fürchten zu müssen, dass die Anlage ausverkauft ist. Aber in einem nicht näher begründeteten, vermutlich von ÖFB-Präsidiumsmitgliedern im Zustand forgeschrittener Demenz gefassten Entschluss, wurde das Spiel am 10. Oktober allen Ernstes in das größte Stadion Österreichs vergeben. Herrlich! Bei bis jetzt knapp 10.000 verkauften Eintrittskarten werde ich endlich Gelegenheit haben, die Architektur zu bewundern. Statt am Anblick einer wogenden Menge an Köpfen und Transparenten werde ich mich am Betongrau der Sitzreihen erfreuen. Meine Ohren werden die nur von kurzen Sinnlosansagen des Stadionsprechers unterbrochene Stille zu schätzen wissen. Und endlich einmal werde ich in der Pause meine Schnitzelsemmel noch vor Wiederanpfiff erstehen. Ein rundum friedlicher, erholsamer Abend also. Deswegen besuche ich nämlich Länderspiele...

Rückblick mit Vuzis

Die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika ist jetzt ein Monat Geschichte, Zeit, zu überlegen, was von ihr in Erinnerung bleiben wird. Bei mir persönlich wenig, um ehrlich zu sein. Da Österreich nicht teilgenommen hat - glücklicherweise, da haben wir uns wenigstens nich blamieren können - war meine Anteilnahme von Haus aus mit der einer, sagen wir mal, Deutschen oder Brasilianerin ohenhin nicht zu vergleichen. Bei der Frage, welche Mannschaft ich dann vorm Bildschirm unterstütze, hat mich mein Interesse für Fußballgeschichte folgerichtig zu Uruguay geführt, die bekanntlich 1930 der erste Weltmeister überhaupt waren.

Viel besser hätte ich es kaum treffen können, denn Uruguay meldete sich in Südafrika in die Weltklasse zurück. Der vierte Platz wurde von den Urus auch entsprechend bejubelt, denn so gut waren sie seit 40 Jahren nicht mehr gewesen. Dass Diego Forlán zum besten Spieler gewählt wurde, unterstrich nur das überraschend gute Abschneiden der Mannschaft aus dem kleinen südamerikanischen Land.

A propos klein: Zu den von sich dazu berufen fühlenden ÖFB-Funktionäre mit gebetsmühlenartiger Trostlosigkeit wiederholten Erklärungen, warum Österreich sich mit schöner Regelmäßigkeit nicht für große Turniere qualifizieren kann, gehört, die Kleinheit des Landes und seine geringe Bevölkerungszahl anzuführen. Da sei das Reservoir an Spitzenspielern halt leider zu gering. Nun ja. Das kleine kaulquappenähnliche Gebilde inmitten Europas ist tatsächlich eher mickrig geraten, und die acht Millionen Einwohner sind nicht die Welt. Aber hoppala: Uruguay hat bei weitem nicht soviele, sondern nur lausige dreieinhalb Millionen. Trotzdem haben sie es zu zwei Weltmeistertiteln und drei vierten Plätzen gebracht. Wir dagegen müssen uns mit einem dritten und einen vierten Platz begnügen. Was auch immer der Grund ist, der Schmäh mit den zu wenigen Einwohnern sollte nach der starken Leistung Uruguays endgültig gestorben sein, gell ÖFB?

Aber zurück nach Südafrika. Für den neuen Weltmeister Spanien kann ich mich nicht erwärmen, aber das liegt daran, dass ich es nie geschafft habe, für den spanischen Fußball tieferes Interesse zu entwickeln. So sehr ich seit meiner Jugend mit dem englischen Fußball mitlebe, so kalt lässt mich das Schickal von Real & Co. Daher habe ich das Finale ausnahmsweise als wirklich neutraler Betrachter verfolgt und dem Gezeigten durch ausgiebiges Gähnen gehuldigt. Aber ich will nicht ungerecht sein: auch das Finale vor vier Jahren war rein vom sportlichen Aspekt her keinen Deut besser. Was es in Erinnerung bleiben ließ, war ausschließlich die Privatfehde zwischen Zinédine Zidane und Marco Materazzi, die in Zidanes Kopfstoß kulminierte, der eine ganze Legion an Spieleprogrammierern, Künstlern, Philosophen und Literaten, ganz zu schweigen von der Journaille, auf Monate hinaus mit Stoff versorgte.

Ein Ereignis von solch dramatischer Wucht war in Südafrika bei weitem nicht auszunehmen. Ein paar hirnrissige Schiedsrichterentscheidungen sorgten für Ärger oder Heiterkeit, die Organisation lief ohne größere Zwischenfälle ab und die Äußerungen der Kommentatoren hatten eine Qualität, die den "Ton aus"-Knopf zum Liebling des Publikums werden ließ. Wenn die bierbewaffneten Fans nicht schon zuvor abgeschaltet hatten, weil ihnen das dumpfe, gleichmäßige Dröhnen der Vuvuzelas auf die Nerven gegangen war. Dabei war der röhrende Klang der bunten Plastiktrompeten fast das einzige, was die Weltmeisterschaft eindeutig und unmissverständlich von allen anderen WM-Finales unterschied.

Schon deswegen mochte ich die Vuzis.

Doch schämen

Vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika hab ich mich ja noch gemütlich zurückgelehnt und gedacht: Gut geht's dir, Österreich ist nicht dabei, da brauchst dich wenigstens vor deinen Freunden im Ausland nicht genieren.

Aber da hatte ich kurzfristig verdrängt, dass es Robert Green in die englische Nationalmannschaft geschafft hat. Ja, als Fan der Hammers ist man nicht so sehr gewohnt, einem der Seinen bei Länderspielen die Daumen drücken zu müssen. Weil West Ham United, weit davon entfernt, um irgendeinen Titel mitzuspielen, gerade wieder einmal dem Abstieg in die Fizzy Pop entkommen ist. Aber das Angebot an englischen Torhütern ist eher bescheiden. Daher ist Green also mit dabei. Und es wäre nicht England, wenn nicht der Torwart patzt oder Stevie Gerrard einen Elfer vergibt. Elfer gab's zwar keinen, aber den Ball von den eigenen angezogenen Armen ins Tor kullern zu lassen, war eine Glanzleistung von unserem Robert, die nahtlos an ähnlich brillante Aktionen von Scott Carson, David James oder Paul Robinson anknüpft. England, das Land der Fliegenfänger.

Schön, wir wollen nicht ungerecht sein: auch Olli Kahn hat sich einige Dummheiten geleistet. Aber der letzte Torhüter von Weltklasse, den England hervorbrachte, war Gordon Banks, und das ist jetzt vier Jahrzehnte her. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Engländer den Mann zwischen den Pfosten für Dekor halten und sich mit seiner Ausbildung nicht so wahnsinnig viel Mühe geben. Vielleicht sollte ihnen einmal wer erklären, dass Fußball doch ein etwas anderes Spielsystem als Rugby hat?

Im übrigen gehe ich mir heute eine Vuvuzela kaufen. Ich begeistere mich ja wahrlich nicht für Fanartikel. Aber weil die gutmenschlichen Spießer sich voll dem Kampf gegen die Vuzis verschrieben haben - die sind zu laut und machen Spaß, dass darf in der Welt der verbiesterten Gesundheitsfetischisten einfach nicht sein - sehe ich mich leider gezwungen, mir so eine Plastiktrompete zuzulegen. Vielleicht gibt's sogar eine in violett.

Möpse statt Budget

Nachtrag zum Rücktritt von David Laws. Im Web 2.0 und diversen Kommentaren zu den entsprechenden Zeitungsartikeln tauchten immer wieder Bemerkungen in die Richtung auf: Wenn wir nur mehr Politiker haben wollen, die squeaky clean sind, also eine vollkommen weiße moralische Weste haben, dann bleiben bald nur mehr spießige Langweiler übrig, die treu und bieder ihre Posten erledigen, ohne jeden Skandal, aber auch ohne jeden Ehrgeiz, die bestehenden Probleme anzupacken. Fade Apparatschiks statt tatkräftige Macher. Wollen wir das?

Nein, wollen wir natürlich nicht, meine Lieben, aber ihr bringt hier gewaltig was durcheinander. Es gibt tatsächlich eine ungute Tendenz, an Personen, die ein öffentliches Amt bekleiden, moralische Anforderungen in Bereichen zu stellen, die der Öffentlichkeit egal zu sein haben, weil sie nämlich mit der Amtsführung nichts zu tun haben. Ob ein Minister sich für Wagner-Opern oder Death Metal begeistert, ob er seinen Urlaub im Luxushotel an der Côte d´Azur oder in einer Badehütte am Neusiedler See verbringt, ob er einen Jute-Tanga oder lieber doch einen Blaufuchsmantel trägt, ob er auf vollbusige Kellnerinnen oder schwarzhaarige Badewascheln steht - scheißegal, dass geht niemand was an. Von mir aus kann er sich auch dem Rudelbumsen mit grauen Bergziegen hingeben oder zu Mittag bereits blunznfett am Schreibtisch sitzen. Leopold Figl und Boris Jeltsin haben ihre Länder auch im Dauersuff noch ganz passabel regiert. Wie gesagt, völlig wurscht.

Der Spaß hört aber auf, wenn ein Politiker sich bei Vorgängen daneben benimmt, die sehr wohl amtsrelevant sind. Dazu gehört vor allem der beliebte Sport, das ihm zugewiesene Budget als eine Art pekuniären Selbstbedienungsladen zu verstehen. Dabei vergessen die Herren und Damen Volksvertreter gerne, dass es sich dabei um das Steuergeld der Bürger handelt, dass ihnen, den Volksvertretern, nur zu treuen Handen übergeben wurde und von dem das Volk mit Recht erwarten darf, dass es wieder zu ihm zurückfließt - in welcher Form auch immer. Dem Politiker stehen sein ihm vom Gesetz zugewiesenen Gehalt plus eventuelle Spesen zu - und nur die. Vom restlichen Budget hat er seine miesen kleinen Drecksfinger zu lassen.

Eine weitere Frage, die die Effizienz der Amtsführung ganz entscheidend beeinflusst, wäre die nach der Besetzung der Amtsposten. Wir hätten halt gerne den Fähigsten auf jedem Posten gesehn, und nicht den Bequemsten. Oder gar einen Volltrottel, der gerade versorgt werden muss, weil seine Partei derzeit leider kein Platzerl für ihn frei hat.

Wie gesagt, in diesen Fällen sollte das Volk sehr wohl moralische Ansprüche stellen. In der Praxis zerreißt es sich allerdings lieber den Mund über Fionas weiße Möpse als über die budgetären Sauereien ihres KHG. Also leider genau falsch herum.

Deppentango

Schön, es hat keine "ages", Zeitalter, gebraucht, bis das Vereinigte Königreich seine neue Regierung hatte. Schon am Tag nach meinem letzten Blogeintrag hat sich das Pärchen Cameron-Clegg, das aussieht, wie derselben Klonfabrik entsprungen, auf ein konsevativ-liberales Pack'l g'haut und flott mit dem Regieren begonnen. Und weil sie's gar so flott angehen, müssen sie sich zwei Wochen nach Regierung schon mit dem ersten Rücktritt in ihrem Kabinett herumschlagen.

Erwischt hat es den Finanzstaatssekretär David Laws, einen zwar auf Grund seiner beruflichen Karriere für diesen Job eminent qualifizierten Mann, dessen charakterliche Eignung sich aber als nicht vorhanden entpuppte. Bitte, grundsätzlich hat er einmal nur dem beliebten Sport gehuldigt, sich aus der Staatskasse eine kleine Vergünstigung für private Zwecke zu genehmigen. Das macht mehr oder weniger jeder, der die Gelegenheit dazu hat, und bei Lichte betrachtet sind die 40.000 Pfund Sterling, die Mr. Laws da abgezweigt hat, eine Lappalie. Die Summe hat sich angesammelt, weil Laws Abgeordneter des Kaffs Yeovil ist und in London eine Zweitwohnung braucht, die natürlich Miete kostet. Ja, und diese Miete hat er sich vom Steuerzahler finanzieren lassen. Soweit befand er sich sogar im legalen Bereich. Leider stellte sich heraus, das der Hausherr, der die Miete kassierte, ein gewisser James Lundie, mit seinem Mieter seit Jahren Tisch und Bett teilte. Womit die Sache illegal war, denn steuerliche Zuwendungen an Ehe- oder Lebenspartner sind verboten. Worauf Mr. Laws treuherzig versicherte, Mr. Lundie sei ja gar kein Lebensgefährte, weil sie beide - man höre und staune! - kein gemeinsames Bankkonto hätten. In Zeiten, in denen selbst Ehepaare, die sich der goldenen Hochzeit nähern, getrennte Konten haben, darf diese Ausrede als eher schwach gelten.

Die Öffentlichkeit hat sie auch nicht geschluckt. Denn erstens macht auch Pfund-Kleinvieh Mist, und außerdem regiert das Fußvolk verständlicherweise gereizt, wenn gerade ein Mann, der selbst die Kleinverdiener aufs Sparen einstimmten soll, sich selber aus der vom Steuergeld ebendieser Kleinverdiener gespeisten Kasse bedient. Noch dazu, wo der gute Mann Millionär ist. Jawohl, richtig gelesen. Der hat in seiner Zeit im Finanzsektor so üppig verdient, da hätte er die lausigen 40.000 Pfund locker aus der Portokasse berappen können, zumindest aber von dem Moment an, in dem sich seine Bekanntschaft mit Lundie zu Liebe ausgewachsen hatte, die Miete nicht mehr verrechnen dürfen. Er tat's aber und lieferte für dieses Verhalten eine groteske Erklärung gleich dazu: hätte er die Miete irgendwann nicht mehr in Rechnung gestellt, dann hätte die Öffentlichkeit erraten können, dass Lundie sein Lebensgefährte ist, und genau diese Tatsache wollte er, Laws, vor allem vor seiner Familie und seinen Freunden geheim halten.

Abgesehen davon, dass Laws´ engere Entourage eine Ansammlung von grandiosen Blitzgneißern sein muss, wenn sie nicht mitbekommen hat, dass Laws vom andern Ufer ist - ein Politiker, der versucht, einen Aspekt seines Lebens krampfhaft zu verbergen, ist offen für Erpressungen jeder Art und schon deswegen untragbar. Wenn er dann noch unterschwellig andeutet, dass er die ganze Chimäre nur aufgezogen hat, um Schaden von seiner Karriere abzuwenden, entpuppt er sich völlig als Depp, der die vergangenen dreißig Jahre gesellschaftlicher Entwicklung verschlafen hat. Gerade in Westminster, wo eineinhalb Jahrzehnte alle nach der Pfeife von Peter Mandelson, aka Queen Mandy, getanzt haben, dürfte die Unterstellung, Homosexualität schade dem beruflichen Weiterkommen, nur gelangweiltes Augenverdrehen hervorrufen.

Und der Bevölkerung wiederum ist es im Jahr 2010 schon erst recht powidl, wer mit wem im Bett liegt. Sie will den Spaß nur nicht finanzieren müssen.

It takes aagggeeeessss...

Diesen Stoßseufzer hab ich gerade auf Twitter gelesen. Dort verzweifeln einige Briten gerade, weil sie nach - tatarataaa - fünf Tagen noch immer keine Regierung haben. Auf uns Ösis, die wir manchmal Wochen darauf warten müssen, dass sich die Parteien und Sozialpartner auf einen Koalitionsvertrag samt Regierung einigen, wirkt solche Ungeduld geradezu putzig. Aber die Engländer, Waliser, Schotten und Nordiren - gemeinhin auch Briten genannt, was aber alle, außer den Engländern, nicht gerne hören - sind das halt nicht gewöhnt bei ihrem Mehrheitswahlrecht. Aber diesmal hat auch das FTPT (first-past-the-post) keiner Partei die absolute Mehrheit gebracht. Die Konservativen sind zwar vorne, aber weit weg von der absoluten Mehrheit. Also brauchen sie einen Partner, vorzugsweise die Liberaldemokraten, mit denen zusammen sie eine stabile Mehrheit hätten. Die Libdems wiederum stehen politisch Labour näher als den Tories, deswegen hüpfen die Tories vor Verzweiflung auch schon im Kreis. Eine LabLib-Koalition hat zwar nur 315 Sitze von 323 notwendigen, aber zusammen mit SNP und Plaid Cymru geht sich's auf 324*) Sitze aus, und das reicht. Es darf halt nur ein einziger krank werden, aber Spannung würzt bekanntlich das Leben.

Wer Premier Minister wird, ist noch völlig unklar. Mein Traumkandidat wäre ja Lord Mandelson. Und wenn nur, um mich vor Lachen zu zerkringeln, wenn er das erste G8-Treffen aufmischt. Wer kann schon dem Fürsten der Finsternis widerstehen?

*) Ja, ich weiß, das Unterhaus hat 650 Sitze. Aber fünf entfallen auf Sinn Fein, die ihre Mandate bekanntlich nie wahrnehmen. Also sind real maximal 645 Abgeordnete anwesend.

Die Zeit ist da

Gestern hat es mich nach langer Zeit der Abwesenheit wieder einmal in die Innere Stadt verschlagen. Ich wollte gar nicht hin, vermutlich in weiser Ahnung dessen, was mich erwartete, sondern zum Schwedenplatz. Allerdings erwischte ich beim Aussteigen aus der U1 die falsche Station, und so stand ich entgegen meiner Absicht plötzlich am Stephansplatz, sozusagen im Herzen Wiens. Leider auch im Herzen des hiesigen Touristenrummels, und genau da begannen die Zores.

Mir ist ja bekannt, dass Wien, die ehemalige k. und k. Reichs- und Residenzstadt ganz massiv davon lebt, die kulturellen Überreste des Habsburgerreiches gegen entsprechendes Entgelt dem Rest der Menschheit zur Konsumation zuzuführen. Das ist grundsätzlich nichts Unehrenhaftes und freut die Fachgruppe Tourismus und Freizeitwirtschaft der WKO ebenso wie den Pröll-Neffen ganz ungemein, weil viel Steuergeld in die Staatskasse fließt. Dagegen habe ich ja selbstverständlich auch als Einheimische nichts einzuwenden. Wer meint, sich den Nachttopf des Kaisers in Schönbrunn und die Särge in der Kapuzinergruft zu Gemüte führen zu müssen, bitte, mir soll's recht sein. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Nur werde ich den Verdacht nicht los, dass die touristischen Horden, die gestern den Stephansplatz besetzt hielten, nicht im mindesten an den vor Ort befindlichen Kulturschätzen interessiert waren. Beim Auftauchen aus den Tiefen des Wiener U-Bahnsystems dachte ich angesichts des dicht befüllten Platzes zuerst an eine Großdemo. Überall Gruppen von Menschen, die eifrig miteinander tratschten, in ihren Taschen nach irgendwelchen Utensilien kramten und irgendwie unbedarft in die Gegen blickten. Da aber nirgendwo Transparente mit der Forderung nach 5-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich oder USA raus aus Favoriten zu sehen waren, mir auch kein grimmig dreinblickender Jungproletarier ein Flugblatt mit dem Aufruf zur Gründung der XX. Kommunistischen Internationale in die Hand drückte, kam mir doch langsam aber grausam die Erkenntnis, dass es sich einfach um liebe Gäste aus dem nahen und fernen Ausland handelte, die da als Verkehrshindernisse in der Gegend herumstanden.

Meinen Wunsch, mich in die U-Bahnschächte zurück zu flüchten, machten nachdrängende Zeitgenossen unerfüllbar, also blieb mir nur die Flucht nach vorne, Richtung Rotenturmstraße. Auf dem Weg dahin stand ich mit jedem Schritt unweigerlich zwischen einer Kamera und dem zu fotografierenden Objekt, rempelte einen Zettelverteiler im Rokokokostüm an und widerstand heldenhaft der Versuchung, an jede Person im Umkreis von einem Meter Fußtritte zu verteilen. Bei Anfang Rotenturmstraße wandelte sich die bis dahin statische Menschenmasse in ein Meer an durcheinanderflutenden Menschenströmen, die gebannt auf diverse hochgereckte Schirme oder sonsige stockähnliche Gebilde starrten, deren Spitzen wahlweise mit bunten Stofffetzen oder einem rosa Plüschhasen garniert waren. Jeder Tourist, der in einer Reisegruppe unterwegs ist, wird vermutlich drauf dressiert, immer hinter dem entsprechenden Fetzen herzulaufen - oder war's hinter dem Plüschhasen? Nein, Schatzi, ich kann nicht nach links schauen, nein, nach rechts auch nicht, sonst verliere ich unsern Führer aus den Augen.

"Führer, befiehl, wir folgen!", Version 21. Jahrhundert.

Endlich beim Schwedenplatz angeschwemmt stürzte ich zum Würstelstand, wo ich bei einer Käsekrainer und einem 16er-Blech beschloss, den ersten Bezirk künftig über für mein soziales Wohlbefinden absolut notwendige Besuche im Filmarchiv und Café Alt-Wien hinaus zu meiden, was mir nicht schwer fallen dürfte - ein Bezirk, der Ursula Stenzel zur Bezirksvorsteherin gewählt hat, verdient mein Geld nämlich sowieso nicht.

Andrerseits: So ein Bad in der Touristenmenge ist kein schlechtes Überlebenstraining. Was uns nicht umbringt, macht uns ja bekanntlich nur noch härter.

Ab in den Konkurs

Griechenland nämlich. Und alles seine Gläubigerbanken gleich dazu. Egal ob in Frankreich, Deutschland oder wo auch immer sie sitzen. Scheitern und dafür einstehen zu müssen ist Teil des Kapitalismus. Was aber die Kapitalisten gerne vergessen. Wenn es nämlich daran geht, das eigene Versagen auszubaden, dann kann der Staat - will heißen, der Steuerzahler - gar nicht spendabel genug sein.

Daher stehe ich auf dem Standpunkt: keinen Cent nach Griechenland. Keinen Cent an "Rettungsgeldern" für Banken, die in Folge des griechischen Staatsbankrotts dann selbst ins finanzielle Straucheln kommen. Lassen wir die Kapitalisten doch einmal erleben, wie Kapitalismus pur schmeckt.

Ein paar Anklagen gegen unfähige Manager wegen Bilanzfälschung oder betrügerischer Krida werden sich dann als Zuckerl sicher auch noch ausgehen.

UHBP, 2. Halbzeit

Nein, dieser Eintrag hat nichts mit Fußball zu tun, auch wenn mich der heutige 5:1-Sieg meiner Veilchen gegen Mattersburg im Quadrat springen lässt: Jetzt, gegen Ende der Saison, wo eh nichts mehr zu holen ist, fangts ihr Wappler mit dem Toreschießen an?

Aber lassen wir das. Heinz Fischer wurde heute als Bundespräsident der Republik Österreich wiedergewählt. Quelle surprise. Unsere HBPs werden immer wiedergewählt, dass es anders sein könnte, ist bis zum Wahlvolk noch nicht durchgedrungen. Wenn dann die beiden Gegenkandidaten auch noch unter die Rubrik "Hirnschüssler" fallen - eine treuteutsche Urmutter und ein Rabiatkatholik -, dann sollte es auch die Journaille nicht wundern, wenn nur knapp die Hälfte der Wahlberechtigten überhaupt zur Wahl geht. Einen Schaden an der Demokratie herbeischreiben zu wollen ist angesichts der geringen Bedeutung, die das Volk dem Amt des Staatsoberhaupts zubilligt, lächerlich.

Ja, ich weiß, der Bundespräsident hat streng nach der Kelsen-Verfassung von 1929 fast diktatorische Vollmachten. Ich werde allerdings den Verdacht nicht los, dass diese Tatsache nicht einmal den Amtsinhabern so richtig bewusst ist. Weit davon entfernt, die Regierung zu entlassen oder den Nationalrat aufzulösen, beschränken sie sich seit jeher darauf, politische Moral einzumahnen, zur Inbetriebnahme von neuen Autobahnabschnitten rot-weiß-rote Bänder zu durchschneiden und zu gegebenem Anlass - also vor allem am 26. Oktober - die Fernsehzuschauer mit salbungsvollen Ansprachen zu nerven.

Es steht also nicht zu befürchten, dass sich Heinz Fischer entscheidend in die Tagespolitik einmischen wird. Er hat einmal im Leben in einer politisch aufgeladenen Situation, nämlich in der Affäre Borodajkewycz, Rückgrat bewiesen, und gab sich hinfort staatstragend, lange bevor er das höchste Staatsamt innehatte. Freuen wir uns also auf weitere sechs Jahre mit Bändern und Ansprachen.

Eisenstein, die nicht dritte

Nein, das ist keine Rezension, sondern die Inhaltsangabe zu Krieg der Sterne, wenn ihn nicht George Lucas, sondern Sergej Eisenstein gedreht hätte. :wink:

Wer sagt denn, dass Krieg der Sterne quietschbunt sein muss? Es geht auch problemlos als Stummfilm in Schwarz-weiß, und zwar so:

Krieg der Sterne (by Eisenstein)

Als der junge Landarbeiter Luke Skywalker erleben muss, wie seine aufrecht proletarische Familie von tyrannischen kaiserlichen Truppen massakriert wird, flüchtet er in die Wüste, wo er auf den ehemaligen Gewerkschaftler Obi-Wan Kenobi trifft. Der ist in den Untergrund gegangen um revolutionäre Zellen aufzubauen. Aktuell plant er, die Senatorin Leia Organa aus dem kaiserlichen Gefängnisplaneten "Todesstern" zu befreien. Organa ist zwar eindeutig der Bourgeoisie zuzurechnen, gilt aber als unbeugsame Gegenerin des Kaisers, daher ist die Zusammenarbeit mit ihr unter den gegebenen objektiven Umständen mit den Zielen des Proletariats vereinbar.

Mit Hilfe des Schmugglers Han Solo, der leider die für das Lumpenproletariat typischen moralischen Verfallserscheinungen wie Geldgier zeigt, gelangen sie zum Todesstern und befreien Leia und alle anderen Gefangenen, werden aber auf der Flucht auf einer riesigen Freitreppe von kaiserlichen Sturmtruppen niedergemetzelt. Kenobi lässt sich auf ein Duell mit Darth Vader, einem an schwerem Asthma leidenden kaiserlichen Karrieristen, ein und überlebt das nicht. Die wenigen Überlebenden, darunter auch Leia, Luke, Solo und Freunde, werden zum Dienst auf dem Panzerkreuzer Executor verdonnert, wo sie einen geheimen Soldatenrat gründen, um der Besatzung ihre Klassensituation bewusst zu machen.

Als die Essensrationen gekürzt werden sollen, besetzen Leia und Co. die Kommandobrücke, kippen die kaiserlichen Offiziere in den Weltraum hinaus und steuern die Executor auf den Todesstern zu, wo der Kaiser gerade zu einer Inspektion eingetroffen ist. Die kaiserliche Flotte geht in Angriffsposition, aber nach einigen nervenzerfetzenden Minuten der Unsicherheit solidarisieren sich die kaiserlichen Truppen mit den Aufständischen. Diese stürmen den Todesstern, schmeißen den Kaiser und seine Hofschranzen in einen Reaktorschacht und rufen die Union der sozialistischen Sowjetplaneten (UdSSP) aus.

Letzte Einstellung: Der Todesstern leuchtet rot (handcoloriert!) auf, die siegreichen Rebellen ballen die Faust und singen die Internationale.

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